Chronisches Nierenversagen

Chronisches Nierenversagen, auch chronische Niereninsuffizienz genannt, ist im Gegensatz zum akuten Nierenversagen dadurch gekennzeichnet, dass die Niere ihre Funktion über einen längeren Zeitraum hinweg (Monate bis Jahre) kontinuierlich reduziert, bis sie ihre Aufgaben nicht mehr richtig erfüllt. Im Anfangsstadium bliebt chronisches Nierenversagen zumeist symptomlos. Die Diagnose sollte schon vor dem Auftreten von Beschwerden gestellt werden.

Welche Aufgaben haben die Nieren?

Die Nieren sind eines der kleinsten Organe des Körpers. Gleichzeitig sind die Nieren sowohl in Ruhe als auch unter körperlicher Belastung die Organe mit der höchsten Durchblutung (pro Gramm Gewebe). Dies ist nicht von ungefähr, denn die Niere hat eine Vielzahl von Aufgaben im menschlichen Organismus. Die Bedeutung der Nieren wird dabei von Ärzten und meist Patienten unterschätzt.

Da die Niere eine Vielzahl von Aufgaben im Organismus (Grafik) übernimmt, kommt es mit zunehmendem Ausfall der Nierenfunktion nicht nur zu Störungen an der Niere, sondern zu einer Vielzahl weiterer Störungen an anderen Organen.

Aufgaben der Nieren im menschlichen Organismus
Aufgaben der Nieren im menschlichen Organismus

Was sind die Ursachen für chronisches Nierenversagen?

Für eine chronische Niereninsuffizienz kommen viele Ursachen in Frage. So können sowohl Störungen

  • der Nierendurchblutung,
  • der Filterfunktion in den Nierenkörperchen,
  • der Vorgänge in den Nierenkanälchen oder
  • der Harnableitung

zum langsam fortschreitenden Ausfall der Niere führen. Häufigste Ursachen der chronischen Nierenerkrankung sind der Bluthochdruck und der langjährige Diabetes mellitus, die über eine Gefäßverkalkung bzw. Störung der Nierenkörperchen zu einem chronischen Untergang der Niere führen. Eine chronische Entzündung der Nierenkörperchen durch Antikörper oder der Nierenkanälchen durch Bakterien führen ebenfalls zum chronischen Nierenuntergang. Außerdem können auch angeborene Erkrankungen wie die Zystennierenerkrankung, eine Pilzvergiftungen und Medikamente zum Versagen der Niere führen.

Welche Symptome treten bei chronischer Niereninsuffizienz auf?

Die Nieren können den zunehmenden Rückgang der Nierenleistung über lange Zeit kompensieren. Deshalb bleibt bei der weit überwiegenden Anzahl der Patienten die chronische Nierenerkrankung in ihrem Anfangsstadium vollkommen asymptomatisch. Erst wenn die meisten Funktionen bereits ausgefallen und Komplikationen eingetreten sind, zeigen sich Beschwerden. Diese sind in ihrer Art unspezifisch und weisen nicht unbedingt auf ein chronisches Nierenversagen hin. Die folgenden unspezifischen Beschwerden können bei chronischem Nierenversagen auftreten:

  • abnehmende körperliche Leistungsfähigkeit
  • Konzentrationsmangel
  • Frieren
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Durchfall
  • Ausfall der Menstruation
  • Impotenz
  • Blutarmut
  • Knochenschmerzen
  • Knochenbrüche
  • blaue Flecken
  • Juckreiz
  • Wadenkrämpfe
  • unruhige Beine
  • Gefühlsstörungen
  • Wassereinlagerungen
  • nächtliches Wasserlassen
  • Luftnot
  • Bluthochdruck
  • Gefäßverkalkung
  • Herzbeutelentzündung
  • Rippenfellentzündung
  • Herzrhythmusstörungen
  • vorzeitiges Altern

Wie wird chronisches Nierenversagen diagnostiziert?

Es ist deshalb entscheidend, die Diagnose der chronischen Niereninsuffizienz früh zu stellen, bevor Beschwerden auftreten. Eine chronisches Nierenversagen liegt vor, wenn entweder:

  • im Blut das Serumkreatinin erhöht,
  • im Urin Eiweiß oder Blut nachgewiesen wird
  • oder in der bildgebenden Untersuchung eine Veränderung der Nieren sichtbar ist.

Das Serumkreatinin wird im Blut bestimmt und ist nur ein ganz grobes Maß für die Nierenfunktion. Wegen seines nichtlinearen Zusammenhangs sind bereits kleine Änderungen des Serumkreatinins in der Nähe des Normbereichs verbunden mit einer bereits weit fortgeschrittenen Nierenfunktionseinbuße. Das Serumkreatinin ist aber leider nicht sehr sensitiv, um eine chronische Nierenstörung aufzuspüren. Mit Hilfe des Serumkreatinins, des Alters und des Geschlechts kann aber die Nierenfunktion gemessen als glomeruläre Filtrationsrate (GFR) errechnet werden. Die GFR dient dabei zur Einleitung des Schweregrads einer Nierenerkrankung:

  • Stadium I: Nierenerkrankung GFR > 90 ml/min
  • Stadium II: leichte Nierenschwäche GFR > 60 ml/min
  • Stadium III: mäßige Nierenschwäche GFR > 30 ml/min
  • Stadium IV: schwere Nierenerkrankung GFR > 15 ml/min
  • Stadium V: terminale Nierenerkrankung GFR < 15 ml/min

Wie wird chronisches Nierenversagen behandelt?

Die Behandlung der chronischen Nierenschwäche besteht aus vier Säulen:

  • Behandlung der Grunderkrankung
  • Verhindern des Fortschreitens
  • Behandlung der Komplikationen
  • Nierenersatz durch Dialyse oder Transplantation

Ist der Diabetes oder der Bluthochdruck die Grunderkrankung, ist es wichtig, den Blutzucker und den Blutdruck auf Normwerte zu senken. Bei der Nierenbeckenentzündung müssen Antibiotika verabreicht werden. Sind Autoimmunerkrankungen die Ursache der Nierenerkrankung, muss Kortison und andere die Immunantwort unterdrückende Medikamente gegeben werden.

Um ein Fortschreiten der chronischen Niereninsuffizienz zu verhindern, müssen nierenschädigende Medikamente oder Röntgenkontrastmittel vermieden werden. Der Blutdruck muss nahe dem Normwert eingestellt werden. Nach Möglichkeit sollte ein ACE-Hemmer verabreicht werden. Bei der Ernährung ist es zudem ratsam, sich kochsalzarm zu ernähren und keinen Eiweißexzess zu betreiben. Erst in der späten Phase der Nierenschwäche ist es wichtig, auf eine kalium- und phosphatarme Kost zu achten.

Komplikationen wie Arteriosklerose, Knochenerkrankungen, Blutarmut oder eine Übersäuerung des Blutes müssen aggressiv behandelt werden, bevor sie Symptome verursachen. Dazu gehören Blutdruckmedikamente, Blutfettsenker, Hemmer der Blutplättchen, Phosphatsenker, Vitamin D, das blutbildende Hormon Erythropoetin und Bikarbonat.

Ist das chronische Nierenversagen so weit fortgeschritten, dass die Nierenfunktion nicht mehr ohne Dialyse aufrechterhalten werden kann, wird eine Dialyse notwendig. Dazu bieten sich zwei Formen an: die Blutwäsche (Hämodialyse) und die Bauchwäsche (Peritonealdialyse). Beide Verfahren sind gleichwertig, haben jedoch bei dem einen oder anderen Patienten spezifische Vorteile. Zur Wahl des optimalen Verfahrens führt der Arzt mehrere umfassende Aufklärungsgespräche mit dem Patienten durch. Häufig bekommt der Patient eine Schulung über zwei Nachmittage.

Hämodialyse-Maschine

Als Alternative zur Dialyse gibt es die Nierentransplantation. Dabei erhalten die nierenkranken Patienten eine funktionstüchtige Niere von einer anderen Person. Diese Form des Nierenersatzes stellt die beste Lösung dar. Leider müssen wegen einem Mangel an Spenderorganen die Patienten oft viele Jahre auf ein Transplantat warten.

Worauf ist bei der Gabe von Medikamenten zu achten?

Viele Medikamente werden über die Nieren ausgeschieden. Geschädigte Nieren können dieser Funktion aber nur noch eingeschränkt nachkommen. Deshalb bleiben Medikamente länger als gewünscht im Blut, wodurch Nebenwirkungen auftreten können. Deshalb ist bei Nierenschwäche bei jedem Medikament Vorsicht geboten. Wenn sich Medikamente nicht vermeiden lassen, muss die Dosis der Nierenfunktion angepasst werden.

Heilungschancen bei chronischem Nierenversagen

Eine chronische Nierenerkrankung ist, wenn eine Nierenschwäche bereits eingetreten ist, nicht mehr heilbar. Häufig nimmt sie dann einen fortschreitenden Verlauf mit zunehmendem Ausfall der Nierenfunktion. Die Prognose hängt dabei davon ab, wie weit die Niereneinschränkung zu Beginn der Behandlung schon fortgeschritten war. Durch eine geeignete Therapie und geänderte Lebensgewohnheiten lässt sich die weitere jährliche Abnahme der Nierenfunktion reduzieren.

Wie lässt sich einer chronischen Nierenerkrankung vorbeugen?

Eine chronisches Nierenversagen lässt sich durch eine gesunde Lebensweise vermeiden bzw. hinauszögern. Bluthochdruck und Diabetes müssen vermieden bzw. gründlich behandelt werden. Nikotingenuss ist nicht erlaubt, ebenso wie passives Rauchen. Übergewicht ist zu vermeiden. Blasenentzündungen gilt es frühzeitig und angemessen zu behandeln. Medikamente, die die Nieren schädigen, müssen vermieden werden.

Die Probleme des nierenkranken Patienten sind so vielseitig, dass sie oft nur noch von speziell geschulten Ärzten überblickt werden. Der Spezialist für die Niere ist nicht wie im Volksmund häufig geglaubt der Urologe, sondern der Nephrologe. Der frühzeitige Kontakt mit dem Nierenspezialisten im Anfangsstadium der Erkrankung hilft oft, unbemerkte Komplikationen an Knochen, Gefäßen, Hormonen und Nerven zu vermeiden. Hilfreich ist es zudem, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen.

Autor:
Prof. Dr. med. Wolfgang Grotz

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