Künstlicher Schließmuskel (Artifizieller Sphinkter)

Ein künstlicher Schließmuskel – auch artifizieller Sphinkter genannt – dient der Behandlung schwerer Formen von Harninkontinenz. In der Regel besteht ein künstlicher Schließmuskel aus drei Komponenten: einer Manschette um die Harnröhre, einer Pumpe im Hodensack und einem Reservoir im Unterbauch.

Der künstliche Schließmuskel hat eine hohe Erfolgsrate. So sind 75 bis 90 Prozent der Patienten nach der Implantation eines künstlichen Schließmuskels kontinent.

Schema des künstlichen Schließmuskels
Künstlicher Schließmuskel AMS-800 (Mit freundlicher Genehmigung von American Medical Systems, Inc. Minnetonka, Minnesota USA, www.AmericanMedicalSystems.com)

Was versteht man unter Harninkontinenz?

Die Harninkontinenz ist eine Speicherstörung der Harnblase und ist definiert als unwillkürlicher Urinabgang. 10 bis 40 Prozent der Frauen und 3 bis 11 Prozent der Männer erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Harninkontinenz.

Die demographische Entwicklung mit Zunahme der Lebenserwartung lässt diese Zahlen in naher Zukunft noch deutlich ansteigen. Im Säuglingsalter ist sie physiologisch, ab dem 5. Lebensjahr sollte sie nicht mehr auftreten. Sie stellt dann ein Symptom einer Erkrankung dar, deren Ursache diagnostiziert werden muss.

Die Ursachen sind bei Kindern und Erwachsenen, bei Männern und Frauen unterschiedlich. Daher ist der Ablauf der diagnostischen Untersuchungen dem Alter, Geschlecht und der Art der Harninkontinenz anzupassen. Auf die kindliche Harninkontinenz soll in diesem Artikel nicht weiter eingegangen werden.

Die Belastungsharninkontinenz

Die Belastungsharninkontinenz ist gekennzeichnet durch einen unwillkürlichen Urinabgang unter Belastung, d.h. zum Beispiel beim Heben von Lasten, Husten, Niesen, Lagewechsel aber auch beim Gehen und im schlimmsten Fall auch schon im Liegen. Sie ist in drei Schweregrade eingeteilt, die abhängig sind von der Menge des Urinverlusts und dem Auftreten der Harninkontinenz.

Ursache ist ein Verlust der Funktionsfähigkeit des Schließmuskels, bei Männern z.B. nach Operationen an der Prostata, vor allem nach der kompletten Entfernung der Prostata, der sogenannten radikalen Prostatektomie. Frauen können eine Belastungsharninkontinenz u.a. durch traumatische Spontangeburten, Operationen im kleinen Becken oder auch Adipositas erleiden.

Die Häufigkeit der Belastungsinkontinenz in der Altersgruppe der Frauen zwischen 20 und 60 Jahren liegt bei 50 Prozent.

Die Drangharninkontinenz

Wie schon der Name sagt, kann bei der Drangharninkontinenz der Urin bei Auftreten von Harndrang nicht zurückgehalten werden. Pathophysiologisch baut der Blasenmuskel einen so hohen Druck auf, dass der Urin durch den Verschlussapparat nicht mehr zurückgehalten werden kann.

Sie ist ein häufiges Symptom beim Harnwegsinfekt und tritt mit zunehmendem Alter wegen des Wandumbaus der Harnblase mit abnehmender Dehnbarkeit vermehrt auf. Die Häufigkeit liegt bei über 70-Jährigen bei bis zu 70 Prozent.

Bei der gemischten Drang- und Belastungsharninkontinenz treten beide Formen der Harninkontinenz nebeneinander auf.

Diagnose der Harninkontinenz

Die richtige Inkontinenzform und deren Ursache zu finden, ist Grundlage einer wirksamen Therapie. Zunächst erhebt der Arzt die Krankengeschichte und stellt Fragen zur Harninkontinenz, Miktions-, Trink- und Stuhlgangverhalten. Medikamente, Geburten, Voroperationen und neurologische Erkrankungen sind ebenfalls wichtige Aspekte der Krankengeschichte.

Die körperliche Untersuchung schließt sich an. Es folgt die Erstellung eines Miktionsprotokolls, in dem Sie Auftreten, Häufigkeit und Menge des Urinierens und der Inkontinenz sowie das Trinkverhalten über mehrere Tage dokumentieren.

Zur körperlichen Untersuchung gehören die drei wichtigsten Grundpfeiler der Diagnostik von Untersuchungen des Urins, Ultraschall der Blase, des Restharns nach Miktion und der Nieren, ggf. eine Röntgenuntersuchung des Harntrakts, eine Harnröhren- und Harnblasenspiegelung oder eine urodynamische Untersuchung.

Therapie der Harninkontinenz

Haben die Untersuchungen eine Belastungsharninkontinenz ergeben, stehen für Frau und Mann verschiedene Formen der Therapie zur Verfügung.

In der frühen Phase der Belastungsharninkontinenz und bei leichteren Formen ist das Beckenbodentraining eine sinnvolle Maßnahme. Gestärkte Beckenbodenmuskulatur schafft häufig effektiv Abhilfe bei Harninkontinenz – auch bei Männern. Von ein paar unkomplizierte Übungen, die Sie jeden Tag durchführen, können Sie dadurch profitieren, ohne einen Arzt zu konsultieren.

Beckenbodenmuskulatur und Blaseninkontinenz
Darstellung der Beckenbodenmuskulatur um die Harnröhre © wosczynamathias / Fotolia

Medikamente in Tablettenform und Medikamente, die in den Schließmuskel gespritzt werden, wirken, wenn überhaupt, nur für eine kurze Zeit.

Eine dauerhafte Lösung des Problems kann mit verschiedenen operativen Therapieverfahren erreicht werden: verschiedene Bandplastiken zur Normalisierung der Funktion des Beckenbodens, gepolsterte Bänder, die die Harnröhre verschließen, und der künstliche Schließmuskel.

Funktionsweise des künstlichen Schließmuskels

In Abhängigkeit von der Ausprägung der Harninkontinenz, den manuellen und geistigen Fähigkeiten, der Restfunktion des Schließmuskels und dem Wunsch der Betroffenen erfolgt die Auswahl des optimalen Therapieverfahrens. Goldstandard ist der künstliche Schließmuskel, der seit ca. 1980 in immer wieder modifizierter und verbesserter Form implantiert wird. Der künstliche Schließmuskel oder artifizielle Sphinkter besteht aus drei Funktionseinheiten, die durch ein Schlauchsystem miteinander verbunden sind:

  • Manschette, der sogenannte Cuff, der um die Harnröhre liegt
  • Pumpe, mit der der Füllungszustand der Manschette reguliert wird,
  • Reservoir, das mit Wasser oder Kontrastmittelgefüllt ist.

Komponenten des künstlichen Schließmuskels
Die Komponenten des AMS-800 Schließmuskels (Mit freundlicher Genehmigung von American Medical Systems, Inc. Minnetonka, Minnesota USA, www.AmericanMedicalSystems.com)

Die Manschette, die mit Wasser oder Kontrastmittel gefüllt ist, verschließt mit einem definierten Druck die Harnröhre.

Um Wasser lassen zu können, nutzt der Patient die im Hodensack bzw. in den Schamlippen platzierten Pumpe das Wasser aktiv aus der Manschette in das Reservoir. Nach Beendigung des Wasserlassens fließt das Wasser wieder aus dem Reservoir in die Manschette, die Harnröhre ist verschlossen, der Patient ist wieder kontinent.

Implantation des künstlichen Schließmuskels

Implantation beim Mann

Die Implantation des Cuffs erfolgt entweder von einem Dammschnitt oder von einem Schnitt am Hodensack. Bei Verwendung des letzteren können auch Ventil und Reservoir über diesen einen Schnitt eingelegt werden.

Das Ventil wird in das Unterhautgewebe des Hodensacks gut tastbar eingepflanzt, das Reservoir wird entweder hinter das Schambein oder in die Bauchhöhle gelegt.

Nach Implantation bleibt das System 6 Wochen deaktiviert, das heißt, es besteht weiter Harninkontinenz, um das Einheilen zu ermöglichen und möglichst keinen Druck auf die Harnröhre auszuüben. Dann erfolgt die Aktivierung durch den implantierenden Arzt.

Implantation bei der Frau

Bei Frauen wird das System in ähnlicher Weise wie beim Mann implantiert, allerdings ist hier immer ein Unterbauchschnitt notwendig, um an die Harnröhre zu gelangen.

Die Pumpe wird normalerweise in den großen Schamlippen platziert.

Komplikationen

Da es sich um Fremdmaterial handelt, ist bei der Operation mit größter Sauberkeit zu arbeiten, um eine Infektion zu vermeiden, die den Ausbau des Systems zur Folge hat. Die Infektionsrate liegt je nach operierender Klinik bei 2 bis 10 Prozent.

Ein weiteres Problem kann der Gewebeschwund der Harnröhre darstellen, der durch den permanenten Druck der Manschette entsteht. Sie führt in knapp 9 Prozent der Patienten im Laufe der Jahre zu einer erneuten Belastungsharninkontinenz. In Extremfällen kann die Manschette die Harnröhre auch so beschädigen, dass das System entfernt werden muss.

Jedes Material altert, auch das des Sphinktersystems. Daher kommt es nach Jahren bei 8 bis 24 Prozent der Patienten zu einem Funktionsverlust des Sphinkters. Dann muss das System durch ein neues ersetzt werden.

Trotz all dieser Probleme sind die Zufriedenheitsraten der Patienten sehr hoch und erreichen in sogenannten anonymisierten Fragebogen-Untersuchungen 95 Prozent.

Zusammenfassung zum künstlichen Schließmuskel

Nach Implantation eines künstlichen Schließmuskels sind 75 bis 90 Prozent der Patienten kontinent, definiert als Reduzierung des Vorlagenverbrauchs auf maximal eine Einlage pro Tag. Damit sind die Ergebnisse besser als alle anderen therapeutischen Mittel gegen die Belastungsharninkontinenz.

Die Therapie der Belastungsinkontinenz ist geprägt von den operativen Therapieformen. Bei Frauen und bei Männern mit geringeren Inkontinenzschweregraden stehen die Bandplastiken an erster Stelle.

Bei schwereren Inkontinenzformen wird aber in der Regel ein künstlicher Schließmuskel implantiert, der in der Regel aus drei Komponenten besteht: einer Manschette um die Harnröhre, einer Pumpe im Hodensack bzw. in den Schamlippen und einem Reservoir im Unterbauch. Die Erfolgsrate dieser Methode ist sehr hoch, wenn die Operation in einer Klinik mit entsprechender Erfahrung durchgeführt wird.

Autoren:
Dr. med. Thomas Schöttle
Dr. med. Hartwig Schwaibold

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